Ist der Islam noch zu retten?

In Münster

Khorchide vs. Samad, zwei Prominente sollten auf dem Podium diskutieren.

Eintritt frei, also früher da sein und Platz sichern, dachte ich, weit verfehlt.

Es sind noch 40 Minuten bis zur Veranstaltung & ich warte in einer langen Schlange vor dem Eingangstor.

Ein älterer Herr redete sich schon vor dem historischen Ratshaus, direkt am Westfälischen Friedenssal in Rage, wiederholt mantraartig: …Es geht um Ideologie, es geht um Ideologie, nicht um Menschen, ist das verstanden… Es geht um Ideologie, nicht um Menschen…

Endlich werden wir reingelassen. Zu früh gefreut. Das Warten dauert an. Taschen & Jacken abgeben. Das Warten dauert weiter an. 25 Minuten noch bis zur Veranstaltung. Spannung steigt.

Aufgeheizte Debatte vor der Debatte…




Der ältere Herr von vorhin steht vor mir und redet mit der älteren Dame an seiner Seite immer noch aufgeregt, ab und zu höre ich wieder…Es geht um Ideologie… Er erinnert mich an meinem Geschichts- und Lateinlehrer. Womöglich pensioniert und will noch seinen missionarischen Drang zur Aufklärung vollenden. Vielleicht ist das ja eine verbal-geistige Einstimmung auf die gleich folgende Diskussion zwischen Samad und Khorchide, denke ich mir.

Dann geht ein Raunen durch die Menge, viele blicken hinter einem Mann her, der die Treppen hochsteigt, das ist Abdel-Samad höre ich von hinten, gefolgt von einer Schar Sicherheitsleute…

Der ältere Herr dreht sich um und spricht eine Studentin mit Kopftuch an, die vor mir ebenfalls in der Schlange wartet, studieren sie bei Prof. Khorchide? Sie lächelt freundlich und bejaht, daraufhin legt er los und redet sich um Kopf und Kragen, niemand kann ihn mehr aufhalten:

…Sie mit ihrem Kopftuch demonstrieren mit ihrer Kleidung ein totalitäres System. Demnächst kann ich dann auch mit einem Hakenkreuz am Arm hier rumlaufen… In ihrem Buch steht, dass Frau minderwertig ist… In Syrien fliehen Menschen vor dem Islam und sie kommen mit ihrer Kleidung hierher und wir sollen sie akzeptzieren? Nein, wir sehen das nicht ein… Warum setzen sie nicht ihr Kopftuch ab… Ihr Auftritt repräsentiert ein totalitäres System… Dann höre ich noch Bush, Irak,… Die Studentin will etwas erwidern. Der ältere Herr legt nach…lassen sie mich doch ausreden, sie hören mir jetzt zu… totalitäres System… Kopftuch…

Ich mache mir währenddessen fleißig Notizen und einige Bilder von der Situation. Die ältere Dame blickt zu mir rüber und sagt aufgeregt, sie kommen noch auf die Liste, das sage ich ihnen. Ich frage mich, ist die Zeit der Inqusition nicht vorbei?

Eine Durchsage unterbrach abrupt den Monolog des älteren Herren… Der Saal sei schon bis an den Rand voll und wir müssten nun leider das Gebäude verlassen.

Hundert vielleicht auch mehr mussten nun gehen. Ich kam hierher mit dem Fragezeichen, ob der Islam noch zu retten ist und sinnierte später bei einem Kaffee mit Blick auf den Münsteraner Dom, wie wir die demokratischen Errungenschaften des Abendlandes vor der ewiggestrigen Kalter-Krieg-Rhetorik retten können.

Fotos und Text: Musa Bağraç

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