Bildungschancen sind Lebenschancen

In Bildung

Wieso scheitern so viele Kinder im deutschen Schulsystem?

Autorin: Dr. Laila Atrache – Younes

Soziale Herkunft in Deutschland entscheidend für Schulerfolg

Die PISA-Studien belegen es: In Deutschland entscheidet die soziale und ethnische Herkunft über den Schulerfolg eines Kindes. Kinder mit Migrationshintergrund sind in deutschen Klassenzimmern benachteiligt und scheitern nicht selten an den Anforderungen. Prekärer ist ebenfalls, dass Kinder mit Migrationshintergrund, die trotz herkunftsbedingter Benachteiligung gute Leistungen in der Schule erbringen, es dennoch im deutschen Schulsystem schwer haben. Empirische Untersuchungen haben gezeigt, dass z.B. SchülerInnen aus dem arabischen Kulturraum bessere Leistungen als ihre deutschen MitschülerInnen erbringen müssen, um eine gymnasiale Empfehlung zu bekommen. Aber: Die Benachteiligung von Kindern trifft nicht für Kinder mit Migrationshintergrund zu, deren Eltern AkademikerInnen sind. Denn das Kind eines Professors resp. Akademikers hat – bei gleicher Schulleistung in der vierten/sechsten Klasse – eine rund viermal so große Chance aufs Gymnasium zu wechseln wie das Kind eines Arbeiters. Hier zeigt sich deutlich, dass der soziale Hintergrund ein Kriterium beim Schulerfolg bzw. –misserfolg ist und die soziale Ungerechtigkeit die „klaffende“ Wunde des deutschen Schulsystems ist.

Aber nicht nur an den Ergebnissen von PISA zeigt sich die Bildungsbenachteiligung von Migrantenkindern, sondern auch an den Übergangsempfehlungen von der Grund- in die Oberschule und an den Bildungsabschlüssen. Die Zahlen des Integrationsberichtes von 2008 belegen es: 15,9% der Jugendlichen mit Migrationshintergrund haben keinen Schulabschluss, 45% verlassen die Schule mit einem Hauptschulabschluss, 36,8% mit einem Realschulabschluss und nur 10% mit Abitur.

Schwächen im deutschen Bildungssystem treffen Migrantenkinder am härtesten

In kaum einem Land wird seit Bekanntgabe der Ergebnisse der ersten PISA-Studie so viel über die Verbesserung der Bildungschancen von Kindern nicht deutscher Herkunftssprache diskutiert. Gemessen aber an den zahlreichen Diskussionsrunden, den Studien oder Forschungsergebnissen sowie an den Reformbemühungen einzelner Länder ist die Bildungsbenachteiligung aber nach wie vor existent. Weder ist es gelungen, das Schulsystem gerechter zu gestalten, noch haben die Reformen spürbare Veränderungen resp. Verbesserungen gebracht. Denn die Schul- und Unterrichtsform, Ausbildung und Auswahl der Pädagogen/innen, Lehrbücher und Curricula sind bisher von diesen Diskussionen nahezu unberührt geblieben — Schwächen des deutschen Bildungssystems, die Einwanderungskinder am härtesten treffen. So ist beispielsweise bisher weder eine Abkoppelung der Lesekompetenz von der sozialen Herkunft erreicht worden, noch ist es gelungen das Textverständnis von Migrantenkindern in der Grundschule zu verbessern.

Welche Ursachen hat der schulische Misserfolg vieler Kinder?

Aber woran liegt es, dass Kinder aus migrantischen und/oder sozialschwachen Familien schlechtere Leistungen in der Schule erbringen? Liegt es tatsächlich nur an den Sprachdefiziten der SchülerInnen mit Migrationshintergrund? An den Eltern, die ihre Kinder zu wenig unterstützen? An den mangelnden Möglichkeiten resp. Ressourcen der Bildungsinstitutionen, SchülerInnen mit Defiziten individuell zu fördern? Oder müssen wir die Ursachen vielleicht doch im deutschen Bildungssystem selbst suchen?

Nach Experten ist es ein Konglomerat an Ursachen. Da sind zum einen die mangelnden Deutschkenntnisse von MigrantInnen, zum anderen die sozioökonomische Situation der Familien und das mehrgliedrige Schulsystem.

Viele Eltern können ihre Kinder nicht ausreichend unterstützen

In Zusammenhang mit den mangelnden Sprachkenntnissen wird meistens auf die „Bildungsferne“ von Migrantenfamilien hingewiesen und mit Statistiken, in denen Parallelen vom Herkunftsland zum Sozialstatus gezogen werden, untermauert. Dass demgegenüber Umfragen die Bildungsambitionen von Eltern belegen, trug zu keiner Veränderung in der gefestigten Sichtweise bei. Einer der Gründe ist sicherlich die Tatsache, dass sich viele Eltern in der deutschen Sprache kaum verständigen können und daher im Alltag nicht selten an ihre Grenzen stoßen. Auch fühlen sie sich oft überfordert, wenn es um die Angelegenheiten ihrer Kinder in Kita und Schule geht. Denn weder können sie ihre Kinder adäquat auf die Schule vorbereiten, noch ihre schulpflichtigen Kinder bei der Bewältigung des Unterrichtsstoffes unterstützen, sollten sie Schwierigkeiten haben. Nicht selten scheitern daher Kinder bereits in den ersten Klassen auf der Grundschule an den schulischen Anforderungen.

Unser Bildungssystem setzt familiäre Ressourcen voraus, über die viele Familien nicht verfügen

Bei der „Ursachenforschung“ dürfen allerdings zwei Punkte nicht außer Acht gelassen werden. Da ist zum einen die sozioökonomische Situation vieler Familien aus dem arabischen Kulturkreis. Nicht wenige Familien haben in Deutschland Probleme, sich in einer für sie neuen Kultur zurechtzufinden und sich eine „neue“ Zukunft in der „Fremde“ aufzubauen. Vor allem die Schwierigkeiten, eine Arbeitsstelle zu bekommen und die Hürden in der Anerkennung von Schul- und Universitätsabschlüssen oder Ausbildungen zu überbrücken, dürfen nicht unterschätzt werden. Zum Teil wiegt die sozioökonomische Situation derart schwer, dass sie den Alltag und die Psyche bestimmt. Schwer ist es aber vor allem für Familien mit Kindern, setzt doch das deutsche Bildungssystem familiäre Ressourcen voraus, über die sie nicht verfügen, die sie aber für die „Schulkarriere“ ihrer Kinder benötigen. Denn in Deutschland ist es wichtig, detaillierte Kenntnisse über die Bildungsinstitutionen und die Arbeits- und Funktionsweise des Schulsystems zu haben. Um diese Kenntnisse zu erlangen, müssen Eltern aber aktiv am Schulalltag teilnehmen, Elternabende, Elternsprechstunden usw. nutzen und Kontakte zu anderen Eltern, über die Grenzen der eigenen „community“ hinweg, aufbauen. Nur auf diese Weise können sie sich über Angebote für ihre Kinder, aber auch über schulrelevante Themen informieren, sich beraten lassen und sich mit anderen Eltern austauschen.

Das Schulsystem begünstigt die Benachteiligung vieler Kindern

Zum anderen weist das deutsche Schulsystem Strukturdefizite auf, die einen nicht unerheblichen Einfluss auf die Zukunft eines jeden Kindes haben. Dazu gehören die Übergänge, die frühe Trennung der Bildungswege von SchülerInnen, die den Weg in der Bildungslaufbahn entscheidend prägen. So wurde in der Forschung nachgewiesen, dass die „Selektionslogik des mehrgliedrigen deutschen Schulsystems […] die institutionelle Diskriminierung von Migrantenkindern [begünstigt]“ und das schlechte Abschneiden von SchülerInnen aus Migrationsfamilien erklären könnte. Gomolla und Radtke konnten dies speziell an den Übergangsschwellen in der Bildungslaufbahn nachweisen. (Gomolla/ Radtke: Institutionelle Diskriminierung. Die Herstellung ethnischer Differenz in der Schule, 2009)

Von einer „absichtlichen Benachteiligung durch das Lehrpersonal“ kann – nach der Studie — aber nicht ausgegangen werden, auch wenn leistungsstarke Kinder mit Migrationshintergrund nur selten eine gymnasiale Empfehlung bekommen. Viele LehrerInnen glauben, dass Haupt- oder Realschulen (seit Schuljahr 2011/12 Sekundarschulen in Berlin) Kindern mit Migrationshintergrund bessere Fördermöglichkeiten bieten. Ein Argument, dass auch zur Rechtfertigung dafür dient, dass es inzwischen an einigen Grundschulen in Berlin deutsche und „Ausländerklassen“ gibt!

Was können Eltern tun?

„Schule“ hat für Kinder einen elementaren Stellenwert. Sie vermittelt nicht nur Wissen. In der Schulzeit festigen sich Lebenseinstellungen und die Persönlichkeit, gewinnen Kinder erste wichtige Eindrücke im Umgang mit MitschülerInnen, LehrerInnen und ihrer Umwelt. Erfahren sie Benachteiligung und bekommen im Schulalltag keine Unterstützung von ihren Eltern, kann sich dies negativ auf die „Schullaufbahn“ auswirken. Daher ist es wichtig, dass Eltern aus arabischen Ländern die deutsche Sprache erlernen, um ihre Kinder bei schulischen Schwierigkeiten unterstützen zu können, aber auch um bei Problemen in der Schule im Interesse ihrer Kinder reagieren und agieren zu können. Vor allem sollten Kinder aus Familien, deren Erstsprache nicht Deutsch ist, die Kita frühzeitig besuchen, um nicht bereits ab der 1. Klasse benachteiligt zu sein. Darüber hinaus müssen Eltern wissen, dass die Elternbeteiligung im deutschen Schulsystem wichtig ist, um sich einzubringen, präsent und über Veränderungen im Schulsystem, Fördermöglichkeiten und über die Bedeutung der Übergänge informiert zu sein.

Eltern müssen aktiv werden

Denn unter Berücksichtigung der Fakten, dass Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund seltener eine gymnasiale Empfehlung bekommen und die familiäre Sozialisation sowie das familiäre Unterstützungspotenzial bei den Übergangsempfehlungen ins Gewicht fallen, kann festgehalten werden, dass Bildungsbenachteiligung in Schulen nur angegangen werden kann, wenn Eltern sich am Schulalltag ihrer Kinder beteiligen und engagieren. Denn nur durch eine offensive Intervention von Eltern können Missstände angegangen und Benachteiligung beseitigt werden.

Arbeitskreis Neue Erziehung e.V.
Bild:Klaus-Uwe-Gerhardt_pixelio.de_

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