Sterbehilfe und Sterbebegleitung bei muslimischen Patienten

In Familie, Integration

Dr. med. Mimoun Azizi, M.A.

Abstract zum Workshop „Sterbehilfe und Sterbebegleitung bei muslimischen Patienten“

Das Thema „Sterbehilfe und Sterbebegleitung bei muslimischen Patienten“ gewinnt, aufgrund des medizinischen Fortschrittes und der demographischen Entwicklung, immer mehr an Bedeutung. Unter Sterbebegleitung ,wird in diesem Zusammenhang die Begleitung, Behandlung und Versorgung von Menschen am Lebensende im weiten Sinne verstanden.

Dazu zählen sowohl die professionelle Arbeit von Berufsgruppen im Gesundheitswesen (z.B. Ärzte, Krankenpfleger, Psychologen, Sozialarbeiter, Seelsorger), als auch das Engagement von Angehörigen, Freunden, »Laienhelfern« und Selbsthilfeinitiativen, sowie die Versorgungsstrukturen, in denen diese Aufgaben geleistet werden.“ (Gesundheitsberichtserstattung des Bundes 03.06.2015).

In diesem Bereich spielt eine kultursensible Versorgung, aufgrund der multikulturellen Gesellschaft, eine zunehmend wichtige Rolle. So ist bei muslimischen Patienten, aufgrund ihrer Sozialisation und ihrer religiösen Ausrichtungen, auf bestimmte Eigenheiten einzugehen. Noch gibt es in Deutschland zu wenige Einrichtungen, die über die entsprechenden Kenntnisse und Erfahrungen verfügen. Sowohl auf der Seite der Patienten und der Angehörigen, als auch auf der Seite der behandelnden Ärzte und Pflegekräfte herrschen Unsicherheit und Missverständnisse. Das Ziel dieser Veranstaltung ist zum einen auf die Notwendigkeit einer kultursensiblen Versorgung im Bereich der Sterbebegleitung und der Sterbehilfe aufmerksam zu machen, als auch einen Diskurs anzustoßen, der zum Ziele hat entsprechende Strukturen, wenn sie denn vorhanden sind, auszubauen und ggf. neue Strukturen aufzubauen.

Bei der Sterbehilfe unterscheidet man vier unterschiedliche Arten. Zum einen die aktive Sterbehilfe oder Tötung auf Verlangen. Diese Form ist ein bewusster, aktiver ärztlicher Eingriff zur Beendigung des Lebens. Des Weiteren definiert man die indirekte Sterbehilfe im Rahmen einer leidensmindernden Therapie, bei der die Beschleunigung des Todes in Kauf genommen wird. Zudem wird die passive Sterbehilfe unterschieden, bei der eine lebenserhaltende Behandlung abgebrochen wird oder auf lebenserhaltende Maßnahmen verzichtet wird. Zuletzt gibt es die Beihilfe zum Suizid, bei der dem Patienten ein entsprechendes Medikament zur Selbsteinnahme bereitgestellt wird.

Sterbehilfe ist in Deutschland generell umstritten und ein entsprechendes Gesetz soll noch in diesem Jahr vom Bundestag verabschiedet werden. Das Thema Sterbehilfe spielt auch bei betroffenen muslimischen Patienten zunehmend eine Rolle. Hier gilt es, das Thema im Zusammenhang der Zugehörigkeit zur islamischen Glaubensrichtung zu diskutieren. Ist die Sterbehilfe im Islam überhaupt erlaubt? Wenn ja, welche Art von Sterbehilfe? Benötigen die in Deutschland lebenden Muslime ein eigenes Gesetz diesbezüglich? Hierzu bedarf es aber
auch eines Diskurses mit der islamischen Theologie. Wie steht die islamische Theologie zur Sterbehilfe? Existiert innerhalb der islamischen Theologie eine einheitliche Meinung bezüglich der Sterbehilfe? Welche Formen der Sterbehilfe finden in der islamischen Theologie Zustimmung? Welche Formen der Sterbehilfe werden abgelehnt und wie wird die Ablehnung begründet? Findet die passive Sterbehilfe Zustimmung in der islamischen Theologie? Wie kann eine Zusammenarbeit mit der islamischen Theologie in diesem Bereich gestaltet werden und auf welchen Kompromiss kann man sich hinsichtlich des Themas einigen? Welche Rolle könnte ein islamischer Ethikrat spielen?

Zudem muss auch die Frage erörtert werden, wer der Ansprechpartner der Muslime hinsichtlich dieses Themas sein soll. Wären muslimische Ärzte und Pflegekräfte, die ebenfalls Angehörige dieser Religion sind, die alleinigen richtigen Ansprechpartner oder sollen andere Akteure wie Imame und islamische Verbände in diesen Prozess mit einbezogen werden? Wie können sich Muslime an dem aktuellen Diskurs beteiligen?

In erster Linie dient dieser Workshop dazu die Menschen für diese beiden Themen zu sensibilisieren und ihnen das Dilemma in denen sich Ärzte und Pflegekräfte einerseits und Betroffene und Angehörige andererseits befinden aufzuzeigen. Dies wird auch anhand von Beispielen demonstriert. Das Thema Sterbehilfe hat auch die muslimische Gemeinde in Deutschland erreicht. Der Diskurs hierzu befindet sich erst noch in den Anfängen. Da allerdings immer mehr muslimisch Familien mit diesem Thema konfrontiert werden, erscheint es umso wichtiger den Diskurs in die Mitte der Gesellschaft zu tragen und ggf. Leitlinien für Ärzte und Pflegekräfte zu erlassen sowie Anlaufstellen bzw. Beratungsstellen für betroffene Familien zu schaffen.
Dr. Mimoun Azizi, M.A.

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